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Genesis – Interview mit Ray Wilson – Berlin 1997

Im Hotel Adlon in Berlin 1997 gab es auch Gelegenheit für ein kurzes Interview mit dem neuen Genesis-Sänger Ray Wilson.

Nach dem Interview mit Mike Rutherford und Tony Banks hatten wir auch mit Nir Z. gesprochen. Zu guter Letzt gab es auch noch Gelegenheit für ein kurzes Interview mit dem neuen Genesis-Sänger Ray Wilson.


Ray: (zu Nir; der gerade den Raum verlässt) um acht Uhr unten an der Bar, wir, auf ein paar Bierchen?
Nir: Okay.

it: Das hast du dir verdient.
Ray: Das hoffe ich. Ich bin Schotte. Wir müssen trinken. Das ist eine Pflicht.

Ray Wilsn Interview Berlin

it: Nachfolger zweier sehr populärer Frontmänner zu sein ist sicher schwierig für dich. Was, glaubst du, erwarten langjährige Genesis-Fans von dir?
Ray: Schwer zu sagen. Ich würde sagen, sie wollen, dass die Band weitermacht. Phil hat die Band ja selbst verlassen, er wurde nicht hinausgeworfen. Mike und Tony hatten zu entscheiden, ob sie weitermachen wollten oder nicht. Jemand neuen, mit dem sie zufrieden sind, so schnell zu finden, war gut für sie. Wenn sich die Suche lange hingezogen hätte, hätten sie vielleicht die Geduld verloren. Das wäre ein Jammer für die Genesis-Fans gewesen. Was wir nun haben, sind zwei der ursprünglichen Songschreiber von Genesis. Ich weiß natürlich, daß Peter Gabriel auch mitgeschrieben hat. War Anthony Phillips damals auch am Schreiben beteiligt?

it: Ja.
Ray: Phil Collins war ganz zu Anfang nicht am Schreiben beteiligt, das kam erst später. Ich denke, die neue Musik enthält Elemente aus jeder Ära. Ich höre die 70er Jahre in den Arrangements, die späten 80er in z. B. einem Song wie Congo. Songs wie The Dividing Line hingegen hören sich eher wie die frühen Genesis an. Die Band ist irgendwie durch die 70er und 80er Jahre gegangen und hat Teile von überall her genommen. Dann kommt meine Stimme dazu, die etwas mehr nach Peter klingt als nach Phil. Ich singe in einer etwas tieferen Stimmlage und etwas dunkler, rockiger und härter. Ich weiß, dass Peters Stimme nicht ganz so war. Er war damals kein Rocksänger, oder was meint ihr?

it: Seine Stimme wurde wohl im Laufe der Jahre immer besser.
Ray: Ja, das sehe ich auch so. Er ist jetzt besser als damals. Er hat eine tolle Stimme. Seine Stimme hat eine ganz natürliche Tiefe und Wärme. Das passte zu den Stimmungen, die Tony und Mike kreierten. Auf dem neuen Album haben sie oft versucht ausdrucksstarke, dunkle Atmosphären zu schaffen. Meine Stimme passt eher dazu, als z. B. zu so etwas wie Invisible Touch. Ein Pop-Song eignet sich weniger für meine Art von Gesang als ein Rock-Song. So, wie wir es jetzt gemacht haben, ist es besser. Das Album klingt gut. Es wird meiner Meinung nach nicht besser ankommen als das letzte. Ich erwarte keine Wunder. Aber ich würde mich freuen, wenn einige Fans, denen das letzte Album zu poppig war, zu Genesis zurückkommen.

Das wäre auch das einzige, was ich für die Band erreichen kann, was sie nicht bereits schon vorher zustande gebracht haben. Ich respektiere die Jungs sehr. Mike und Tony sind zwei großartige Menschen und hervorragende Songschreiber. Es ist für mich, in meinem Alter, eine gute Erfahrung, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten. Irgendwie springe ich ja auf einen Zug auf, denn sie hatten ja bereits Erfolg und einen Namen. Ich bin mir darüber im klaren. Es ist einfach, etwas falsch zu machen, aber schwierig, es richtig zu machen. Ich denke, bisher haben wir alles richtig gemacht. Unsere nächste Chance ist die Tour.

it: Wie wirst du dich auf der Bühne verhalten, nachdem Peter seine Masken hatte und Phil der große Entertainer war?
Ray: Das ist schwer zu sagen. Beide kamen visuell stark rüber. Phil hat eine ausgeprägte Persönlichkeit, und ich denke, ich habe ein klein wenig davon, wenn auch nicht so viel. Die Musik diktiert manchmal die Art, wie man sich auf der Bühne verhält. Ich werde mich nicht maskieren oder irgend etwas machen, was die beiden mal gemacht haben.

Ray Wilson gibt Autogramme

it: Nein? Das hatten wir aber eigentlich erwartet (im Spaß)!
Ray: Das habt ihr erwartet? Oh, fuck! (lacht) Nein, ich werde ich selbst sein und hoffe, dass es die Leute mögen werden. Wenn nicht, dann tut’s mir leid. Mehr kann ich nicht tun. Ich bin ein Sänger. Wenn ich Schauspieler wäre, würde ich in Filmen mitspielen. Mein Hauptinteresse liegt dar in, dass die Musik in Ordnung ist. Die Leute werden die alten Songs hören, und sie werden anders klingen. Aber wenn ich es hinkriege, dass sie sich gut anhören, habe ich Fans auf meiner Seite, und von da an wird es für mich auf der Bühne einfach. Wenn du da stehst und es hört sich mies an, geht alles den Bach runter. Bisher klappt aber alles gut.

Viele Songs wie The Lamb Lies Down On Broadway klingen gut, und ich habe Spaß dabei. Morgen spielen wir einen kleinen Teil von Supper’s Ready. Bei einigen Stücken, die ich singe, funktioniert es nicht. Land Of Confusion z. B. ist nicht meine Art Song. Das sind wohl Phil-Songs. Das ist es, was er verkörperte, nicht ich. Ich muss einiges davon machen. Wir wer den Invisible Touch und I Can’t Dance live spielen – eben die großen Hits, die man einfach nicht weglassen kann. Aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich Mama, Domino und Home By The Sea singen und I Can’t Dance (mit einer abfälligen Handbewegung) weglassen. Bei Phil kamen solche Songs super rüber. Mein Fall ist das zwar nicht gerade, aber ich kann sie singen.

Ich würde zurück zu den 70er Jahren gehen, denn ich liebe das Material, es ist so gut. Ich freue mich darauf, bestimmte ältere Songs, nicht unbedingt nur aus der der Peter Gabriel-Ära, zu singen. Das Material von 1976 bis zum Mama-Album war sehr gut. Danach wurde es für meinen Geschmack etwas poppig. Ich bin ein Rock- Fan, kein Pop-Fan. Aber abgesehen davon denke ich, dass auch Domino und No Son Of Mine tolle Songs sind – typische Genesis Arrangements. Darin sind sie stark. Etwas wie Invisible Touch ist ein Pop-Song. Das ist für mich nicht das, was Genesis ausmacht. Die Jungs sind da vermutlich anderer Meinung.

Interview: Helmut Janisch, Bernd Zindler und Peter Schütz
Transkription + Übersetzung: Helmut Janisch
Fotos: Peter Schütz und Helmut Janisch

Many thanks to Tony, Mike, Nir and Ray for talking to us. Also many thanks to Jon Webster; Carol Willis Impey and the incredibly helpful „Virgins“ from Munich for arranging this interview for us.

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